Thema am 14. September 2014: Farbe
















     

Die Wahrnehmung unserer Umwelt prägen neben der formalen Gestalt eines Objekts ganz wesentlich seine farbliche Erscheinung und die herrschenden Lichtverhältnisse.

Gerade weil wir Menschen Farbe als unmittelbaren Sinneseindruck erleben, ist die farbliche Gestaltung unserer Lebensumgebung seit Urzeiten eine zentrale Ausdrucksform. Alle Völker der Erde benutzen Farben gezielt, gleich ob als reine Farbflächen oder als bestimmte optische Muster. Farben spielen im Ritus und in der Religion, in der ethnischen Abgrenzung und zur Ordnung sozialer Hierarchien eine bedeutende Rolle. Darüber hinaus verbinden sie in der Kontinuität ihrer Verwendung mit Traditionen und sind zugleich für den Betrachter Ausdruck gegenwärtiger Lebenseinstellung. Farben können Geschichten erzählen und sogar mit Tabus belegt sein.

Insofern widmet sich der nächste Denkmaltag am 14. September 2014 mit dem Motto "Farbe" einem wahren Universalthema.

Selbstverständlich ist die farbliche Gestaltung von Bau-, Kunst- und Bodendenkmalen sowie Gärten und Parks immer schon ein wesentlicher Aspekt für ihre Erbauer und Erschaffer gewesen. Ebenso ist sie es heute für uns als Denkmalpfleger, Restauratoren, Denkmalbesitzer, Archäologen, Handwerker und vor allem als Betrachter im Hier und Jetzt.

Im Folgenden wollen wir Ihnen einige Anregungen für Ihre Gestaltung Ihres Denkmaltags geben:

  • Widmen Sie sich dem Motto Farbe in seiner Materialität: So können entweder Sie selbst nach einigen Testläufen im Vorfeld oder speziell ausgebildete Handwerker vor Ort zeigen, wie Farben nach historischem Vorbild gemischt werden. Zeigen Sie die unterschiedlichen Farbeigenschaften, ihre färbenden Minerale oder Pflanzenstoffe und die Einsatzmöglichkeiten auf unterschiedlichen Materialien. Sie können Ihren Besuchern - auch den Kindern - anbieten, diese Farben selbst zu testen.
    Eine solche Präsentation kann der ideale Aufhänger sein, begleitend die Instandsetzungs- und Baugeschichte Ihres Objekts zu erläutern.

  • Die Frage nach dem farblichen Äußeren seit der Erschaffung der Objekte und die Art der Instandsetzung von Bau-, Kunst- und archäologischen Denkmalen ist von großer Bedeutung. Sie beschäftigt Restauratoren und Denkmalpfleger in ihrem Beruf tagtäglich. Die Fachleute legen nicht nur Farbschichten frei, reinigen und konservieren, sondern sie müssen auch entscheiden, ob und in welcher Weise sie Farbgebungen erneuern und Malereien ergänzen. Oftmals bieten sich mehrere mögliche Lösungen an, die selbst unter Fachleuten sehr umstritten sein können. Manchmal gibt es kein eindeutiges Richtig oder Falsch und es müssen viele und komplexe Argumente gewichtet und bewertet werden: Wird eine ursprüngliche Farbfassung wiederhergestellt? Welche farbliche Gestaltung entspricht unseren heutigen Sehgewohnheiten, welche denen der Erschaffungszeit oder der heute erhaltenen Ausstattung? Wie sieht die nähere Umgebung heute aus? Wie steht es um die Beständigkeit bestimmter Farben unter heutigen Umweltbedingungen? Schützt ein neuer Farbanstrich das Objekt vor Wettereinflüssen oder kann er schlimmstenfalls das Objekt beschädigen? Welche Farbe - qualitativ - soll benutzt werden und wie ist ihre Materialeigenschaft auf dem jeweiligen Untergrund? Wie hoch sind die Kosten für welche Variante? Und, und, und...
    Für die Besucher kann es äußerst reizvoll sein, wenn Sie sich vor Ort dieser Fragen und möglicher Antworten für Ihr konkretes Objekt annehmen.

  • Farben unterliegen dem Zeitgeschmack und in ihrer Materialität dem technisch-chemischen Know-how ihrer Entstehungszeit. Das gilt für Wand- und Künstlerfarben ebenso wie für alle anderen gefärbten Materialien. Was wir heute als knallig bunt empfinden, entsprach in der Antike oder in Renaissance und Barock den geläufigen Sehgewohnheiten. Andere Stilepochen wie beispielsweise der Klassizismus oder die Moderne - etwa die Betonarchitektur - nehmen sich farblich deutlich mehr zurück. Gehen Sie mit Ihren Besuchern einmal ganz sinnlich der Frage nach, wie sich Farben auf die Wahrnehmung von Denkmalen durch den Betrachter auswirken.

  • Bisweilen ist auch die Restaurierungsgeschichte eines Denkmals so spannend wie ein Krimi. Manchmal wurden Malereien oder Farbfassungen schon vor Jahrhunderten nicht aus ästhetischen Gründen übermalt, sondern um Geschehnisse vergessen zu machen oder neue religiöse Ansichten oder weltliche Machtansprüche durchzusetzen. Bei vielen Denkmalen treten unter neueren Farb- und Putzschichten die interessantesten Schaufenster in die Geschichte zutage. Zeigen Sie diese am Denkmaltag und lassen Sie Ihre Besucher teilhaben!

  • Auch aus heutiger Sicht fragwürdige farbige "Instandsetzungen" von Wandmalereien, beispielsweise aus dem 19. Jahrhundert, können eigenständige Inhalte von Veranstaltungen Ihres Denkmaltags sein. Wie haben die Restauratoren damals gearbeitet, wie sah ihr wissenschaftlicher Ansatz aus? Warum gibt es heute oft Probleme mit Restaurierungen des 19. Jahrhunderts? Wie gehen die Fachleute damit um?

  • Allen Freunden und Fachleuten der Archäologie bietet das Motto "Farbe" eine wunderbare Plattform. Allein Verfärbungen im Boden können Aussagen über Pfostensetzungen machen, sie zeigen dem geschulten Auge den Verlauf oder die Lage von Gräben, Abfallgruben, Erdkellern und Gräbern an, ohne dass Steinpackungen oder anderes Fundmaterial vorhanden sein müssen. Auch die Luftbildarchäologie und die geophysikalische Geländeprospektion arbeiten mit der Sichtbarmachung archäologischer Strukturen. Im Wortsinne erhellend sind gerade auf dem Gebiet der Archäologie Experimente und Nachbauten, die zeigen, wie die Umwelt zu früheren Zeiten aussah, nämlich nicht dunkel und grau, sondern oft sehr farbenfroh.

  • So gut wie alle Baumeister und Architekten setzten sich neben der Farbgebung ihrer Objekte mit der Lichtwirkung und dadurch mit der farblichen Prägung im Inneren auseinander. Größere Fenster- und Glasflächen stellten lange Zeit technisch ein Problem dar und waren entsprechend kostbar. Sie waren daher den Kirchen sowie dem Adel und allenfalls noch dem reichen Bürgertum vorbehalten. Allein Kirchenfenster bilden ein ebenso umfangreiches wie interessantes Thema im Thema für dieses Jahr. Neben der Ikonografie interessieren sich die Besucher des Denkmaltags sicher besonders dafür, ob und wie die Fenster instandgehalten werden und wie sie hergestellt wurden.

  • Unsere Farbwahrnehmung ist ein Sinneseindruck. Deshalb bewegen uns Farben und Lichteindrücke in unserem Innersten und Raumeindrücke können je nach Farbgestaltung ganz unterschiedlich ausfallen. Künstler, Baumeister und Architekten haben dies immer schon gezielt genutzt. Jenseits aller Moden haben sie sehr bewusst mit Farbwerten wie "kalten" und "warmen" Farben oder Kontrastfarben gearbeitet. Gerade im Mittelalter und in der Antike standen Farben bei der Gestaltung von Kunstobjekten immer auch für bestimmte Aussagen. Bei Kirchen und ihrer oft jahrhundertealten Ausstattung ist es für die Besucher hochinteressant, sich unter fachkundiger Führung einmal auf die Spurensuche nach versteckter und uns heute nicht immer mehr bekannter Farbsymbolik zu begeben.

  • Garten- und Landschaftsarchitekten planten nicht nur die formal gestaltete Natur in ihren Anlagen, sondern oft liegt deren Gestaltung ein auf Jahreszeiten ebenso wie auf die Umgebung abgestimmtes Farbkonzept zugrunde. Gerade Mitte September ist es äußerst lohnenswert, die Besucher des Denkmaltags unter dem Motto "Farbe" - vielleicht sogar im Kontrast zwischen dem Farbkonzept der Erbauer und der Nutzung heute - durch Parks und Gärten zu führen.

Sicher gibt es gerade zum Thema Farbe noch viele andere Ansatzpunkte, das liegt in diesem Jahr - hier lässt sich das beziehungsreiche Wortspiel nicht vermeiden - ganz im Auge des Betrachters. Wir wünschen Ihnen glanzvolle Ideen und einen ebenso bunten wie erfolgreichen Tag des offenen Denkmals am 14. September!





Datum und Themen der vergangenen Jahre
2013 08. Sept. Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?
2012 09. Sept. Holz
2011 11. Sept. Romantik, Realismus, Revolution. - Das 19. Jahrhundert
2010 12. Sept. Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr
2009 13. Sept. Historische Orte des Genusses
2008 14. Sept. Vergangenheit aufgedeckt - Archäologie und Bauforschung
2007 09. Sept. Orte der Einkehr und des Gebets - Historische Sakralbauten
2006 10. Sept. Rasen, Rosen und Rabatten - Historische Gärten und Parks
2005 11. Sept. Krieg und Frieden
2004 12. Sept. Wie läuft's? - Schwerpunktthema Wasser
2003 14. Sept. Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal
2002 08. Sept. Ein Denkmal steht selten allein: Straßen, Plätze und Ensembles
2001 09. Sept. Denkmal als Schule - Schule als Denkmal
2000 10. Sept. Alte Bauten - Neue Chancen
1999 12. Sept. Europa - ein gemeinsames Erbe