Schwerpunktthema 2007: Orte der Einkehr und des Gebets - Historische Sakralbauten









      Sakralbauten - zumeist bedeutende Architekturen in exponierter Lage - sind unübersehbare Landmarken, einprägsame Punkte in den Silhouetten deutscher Dörfer und Städte. Als Denkmale zeugen sie von der Jahrhunderte alten Geschichte religiösen Lebens in unserem Land. Die geschichtlich gewachsene Bauform und Innenausstattung oder der Klang historischer Glocken und Denkmalorgeln symbolisieren, auf welche Weise Menschen Gott verehren. Jede Epoche und jede Religion hat ihre eigenen typischen Gottesdiensträume und Orte geistlicher Einkehr geschaffen: Kirchen, Synagogen, Moscheen, Klöster, Kapellen und Friedhöfe, aber auch zahlreiche sakrale Kleindenkmale wie Bildstöcke, Wegekreuze, Kalvarienberge oder Kreuzwegstationen.

Während ein Kirchturm schon von weitem davon zeugt, dass er für Gebet und geistliche Einkehr erbaut wurde, gibt es nicht wenige Baudenkmale mit eher verborgenem religiösem Bezug. Beispiele: In einem barocken Kellergewölbe einer Stadtbücherei befinden sich gut erhaltene Reste einer Mikwe (jüdisches Ritualbad); bei einem "Schlosshotel" handelt es sich um ein ehemaliges Domherrenpalais mit heute noch vorhandener Hauskapelle; eine viel befahrene Bundesstraße folgt im Verlauf dem einst wichtigsten Streckenabschnitt des deutschen St. Jakobus-Pilgerweges und ein Gehöft am Straßenrand war ehemals Pilgerherberge - die Namensgravuren der mittelalterlichen Wanderer wurden jüngst unter dem Wandputz freigelegt.

Die Geschichte des abendländischen Europa ist viel enger mit dem religiösen Leben verwoben, als heute für den oberflächlichen Blick erkennbar. Die historischen Sakralbauten sind wie Schlüssellöcher, durch die wir das reiche sakrale Erbe Europas wiederentdecken. Und es sind erstaunlich aktuelle Inhalte, die da zum Vorschein kommen: Als mäzenatische, bildungspolitische, sozialkaritative und interkulturelle Akteure haben die großen Kirchen und Religionsgemeinschaften das Wertefundament unseres Landes maßgeblich geprägt. An zahlreichen schon bekannten oder erstmals zugänglichen Denkmalen sollen diese alten Werte und Inhalte neu lesbar gemacht werden. Dazu lädt der Tag des offenen Denkmals am 9. September 2007 ein.

Schwerpunktthema am Tag des offenen Denkmals
Sie haben die Möglichkeit am Denkmaltag neben Kirchen, Synagogen und Moscheen auch andere Stätten vorzustellen. Hier finden Sie einige Anregungen wie Sie unser diesjähriges Motto umsetzen können:
  • Viele Kirchen, Synagogen und Moscheen wurden auch schon bei früheren Denkmaltagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das diesjährige Schwerpunktthema "Orte der Einkehr und des Gebets" könnte Anlass sein, über gewöhnliche kunsthistorische Führungen hinaus das theologische Programm des Raumes darzustellen: Wie war die Liturgie-Gestalt dieses Raumes zur Zeit seiner Entstehung? Wie ist das Bildprogramm in unsere Zeit hinein "übersetzbar"? Vielfältige Angebotsvarianten sind denkbar, so z. B. spirituelle Bildmeditationen, Ausstellungen oder thematische Konzerte im Sakralraum. Kirchen-, Synagogen- und Moscheegemeinden sind gerne zur Kooperation z. B. mit Schulen, Heimatvereinen, Büchereien und sonstigen Kulturträgern bereit.

  • Ein manchmal zu wenig beachteter Teil des sakralen Denkmalerbes sind religiöse Kleindenkmale wie Memorialkapellen, Bildstöcke, Votivsäulen, Wegekreuze, aber auch - häufig als solche gar nicht mehr identifizierte - religiöse Bildmotivik an öffentlichen Plätzen, Brunnen und Gebäuden. Sie sind meist aufs Engste mit der lokalen Geschichte verwachsen und erzählen von einschneidenden Ereignissen und interessanten regionalen Sondertraditionen. Es lohnt sich, ihrem Entstehungsanlass nachzuspüren.

  • Bereits in der Vorzeit und der Antike wurden Heiligtümer zu Ehren der Gottheiten errichtet, Opfergaben wurden an bestimmten Orten wie Quellen, Höhlen oder markanten Landschaftspunkten dargebracht. Viele dieser Stätten konnten von Archäologen ausgegraben werden. Machen Sie diese Ausgrabungen zugänglich und erklären Sie in Führungen die Funktionen und Bräuche dieser antiken Heiligtümer.

  • Nicht nur Gottesdienst, sondern auch Nächstendienst und Wissenschaft sind Teil des abendländischen religiösen Lebens. Krankenhäuser gingen aus alten kirchlichen Spitälern hervor, Hochschulen aus Klöstern, Museen aus Sammlernachlässen von Geistlichen oder säkularisierten Kirchen, Friedhöfe aus frühchristlichen Begräbnisstätten. Diese Zusammenhänge sind heute oft in Vergessenheit geraten. Faszination ist garantiert bei der Entdeckung, auf welche Weise Kirchen und andere Religionsgemeinschaften vor Jahrhunderten die kulturelle und soziale Infrastruktur Deutschlands mit aufgebaut haben.

  • Sakrale Denkmalpflege erfordert Kompetenz in Gewerken, die es im weltlichen Bereich oft gar nicht mehr gibt: Glocken- und Orgelrestaurierung, Restaurierung von Glasmalereien, Konservierung und Rekonstruktion bestimmter Fresko-Techniken. In Dombauhütten und kirchlichen Fachwerkstätten leben diese Handwerkstraditionen weiter, verbunden mit modernster Technik. Ausübende dieser Gewerke "live" erleben zu können, ist nicht nur für junge Menschen eine spannende Erfahrung. Kirchliche Bau- und Denkmalämter vermitteln Restauratoren und Handwerker, die bereit sind, am Tag des offenen Denkmals einen Einblick in ihr Tun zu gewähren.

  • Bereits im Mittelalter wurden Klöster gegründet, wo Nonnen und Mönche sich einem intensiven religiösem Leben sowie der Wissenschaft widmen konnten. Synagogen dienen oft dem wissenschaftlichen Studium des Talmuds und an vielen Moscheen gibt es Koranschulen. Zeigen Sie am Tag des offenen Denkmals diese Stätten religiöser Bildung.

  • Bauliche Zeugnisse des Glaubens sind nicht allein Orte des gemeinschaftlichen Vollzugs. Auch die persönliche, private Einkehr hat sich in Bauwerken manifestiert. Bereits im Mittelalter wurden Privatkapellen in Kirchen und Kathedralen eingerichtet. An Königs- und Fürstenhöfen dienten Schlosskapellen zum täglichen Gebet. In Privathäusern finden sich noch bis heute dem Gebet gewidmete Herrgottswinkel. Zeigen Sie die Privaträume deren Ausstattung von religiösen Handlungen zeugt.

  • Zunehmend verbreitet ist das Thema der Umnutzung von Sakralbauten. So werden aus Kirchen Rathäuser, Wohnhäuser oder Kinos. Am Tag des offenen Denkmals kann diese Form der Weiternutzung kritisch betrachtet werden: Entspricht die neue Nutzungsform der Eigenart des Baus als Stätte religiösen Handels? Wird der Erhalt oder das Erscheinungsbild dadurch gefährdet? Ist der Bau verändert worden? Wenn ja, wie ist die Originalsubstanz berücksichtigt worden?

  • Mit dem Fund des Kreuzes Christi im 4. Jahrhundert durch Kaiserin Helena, mehrten sich die Wallfahrten. Anfangs führten sie vorwiegend nach Jerusalem. Doch die Reliquien wurden mit der Zeit verbreitet. Mit dem Beginn der Heiligenverehrung im Mittelalter kamen weitere Gegenstände religiöser Verehrung hinzu, so dass immer mehr Wallfahrtsorte entstanden. Vielleicht gibt es in Ihrer Umgebung einen Wallfahrtsort mit historischen Bauten und Kleindenkmalen. In einer Führung können Sie z. B. dem Weg der Pilger folgen.

  • Eine Glaubensgemeinschaft hat meist eine Vielfalt von Riten, die nicht immer in einer Kirche, einer Synagoge oder einer Moschee als den Haupträumen ausgeübt werden. Dazu zählt für den christlichen Glauben z. B. die Taufe, die manchmal in einer separaten Taufkapelle, dem so genanntes Baptisterium, gefeiert wird. Die Mikwe ist ein rituelles Tauchbad, das im jüdischen Glauben der religionsgesetzlichen Reinigung dient. Diese Riten und ihre Orte können am Tag des offenen Denkmals thematisch aufgegriffen werden.

  • Friedhöfe sind für Viele Orte der Erinnerung, der Einkehr und des Gebets. Neben der Gesamtanlage des Friedhofes und seinem Konzept lohnt es, auch die einzelnen Grabmale unter themenbezogenen Aspekten zu erforschen.


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Datum und Themen der vergangenen Jahre
2016 11. Sept.Gemeinsam Denkmale erhalten
2015 13. Sept. Handwerk, Technik, Industrie
2014 14. Sept.Farbe
2013 08. Sept.Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?
2012 09. Sept.Holz
2011 11. Sept.Romantik, Realismus, Revolution. - Das 19. Jahrhundert
2010 12. Sept.Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr
2009 13. Sept.Historische Orte des Genusses
2008 14. Sept.Vergangenheit aufgedeckt - Archäologie und Bauforschung
2007 09. Sept.Orte der Einkehr und des Gebets - Historische Sakralbauten
2006 10. Sept.Rasen, Rosen und Rabatten - Historische Gärten und Parks
2005 11. Sept.Krieg und Frieden
2004 12. Sept.Wie läuft's? - Schwerpunktthema Wasser
2003 14. Sept.Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal
2002 08. Sept. Ein Denkmal steht selten allein: Straßen, Plätze und Ensembles
2001 09. Sept. Denkmal als Schule - Schule als Denkmal
2000 10. Sept. Alte Bauten - Neue Chancen
1999 12. Sept. Europa - ein gemeinsames Erbe


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