Tag des offenen Denkmals

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Sonntag, 13.9.2026

Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Mit Handwerk und Hightech Render 1 Schnitt

© Robin Miller / doku.vision

Mit Handwerk und Hightech

Mit Handwerk und Hightech

Zukunft der Denkmalpflege

Zeitgemäße Denkmalpflege besinnt sich auf historische Bausubstanz und Handwerkstechniken ebenso, wie sie Erkenntnisse aus Wissenschaft und Baupraxis aufnimmt. Moderne Technologien eröffnen neue Wege für Analyse, Dokumentation und energetisch sinnvolle Instandsetzung.

Es ist etwas in Bewegung geraten in der Denkmalpflege. Die Anforderungen an sinnvoll genutzte historische Bausubstanz sind im gleichen Maße gestiegen wie die technischen Möglichkeiten. Betrachten Sie doch noch einmal unten das Bild des ehemaligen Hotels Bellevue in Remagen, ein Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD). Sicher wirkt es ungewöhnlich. Das ist es auch – es ist computergeneriert. Nicht im Sinne von künstlicher Intelligenz, sondern auf Basis eines digitalen Scans wurde eine sogenannte Punktwolke erstellt. Aus dieser Sammlung von unvorstellbar vielen digitalen Messpunkten können Bilder, sie heißen in dem Fall Render, erstellt werden.

Die Innovationskraft von moderner Denkmalpflege wird sichtbar in Projekten wie im Hotel Bellevue in Rolandseck.

Die Digitalisierung der Baubranche ist überwiegend auf den Neubau ausgerichtet: Building Information Modeling (BIM) ist der Planungs- und Dokumentationsstandard für Architekten, Ingenieure und Nutzer eines Bauwerks. BIM beinhaltet im Wesentlichen Daten, Pläne und Modelle. Die Integration von Denkmalwerten, historischen und kulturellen Werten also, war allerdings bislang nicht vorgesehen. Die Bauwirtschaft wird absehbar jedoch vor allem mit BIM arbeiten. Verantwortliche für Umbau- und größere Erhaltungsmaßnahmen im geschützten (ebenso wie im ungeschützten) Bestand sollten sich deshalb frühzeitig mit dieser Methode auseinandersetzen. Denn was mit diesen Informationen möglich ist, veranschaulicht zumindest ansatzweise das Bild vom ehemaligen Hotel Bellevue.

Hightech und Handwerk Render 2 Ballsaal

Der Ballsaal des ehemaligen Hotels Bellevue. Für die weitere Planung wurde ein Schnitt durch ein datenbasiertes 3-D-Modell angelegt.

© Robin Miller / doku.vision

Hier setzt H-BIM an, bei dieser Variante steht H für Heritage oder Historic. „BIM ist Vermeidung von Kollision in den unterschiedlichen Gewerken“, sagt Professor Christian Raabe von der RWTH Aachen. Ihn und sein Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege und historische Bauforschung treibt um, wie nun auch relevante Denkmalinformationen in H-BIM integriert werden können und wie genau, also in welcher Informationstiefe, der Bestand dokumentiert werden sollte. Technisch sind hier kaum Grenzen gesetzt. Die aktuell gängigen Vermessungsmethoden 3-D-Scan sowie SfM (Structure from Motion) produzieren erst die eingangs erwähnten Datenwolken, daraus werden dann dreidimensionale Darstellungen generiert. Standards für die BIM-gerechte Bauaufnahme und Dokumentation einheitlich und verbindlich zu gestalten, käme allen Projektbeteiligten, Bauherren, Planern, Vermessungsbüros und den Ämtern und Behörden in allen Bundesländern zugute.

Raabes Team arbeitet daher derzeit aktiv an der Einwerbung von Forschungsmitteln für das Projekt. Mit dem Ziel, digitale Methoden der Denkmalpflege systematisch zu erforschen und anzuwenden, wurden repräsentative und idealerweise übertragbare Beispiele ausgewählt. „Das Hotel Bellevue der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zeigt sich als besonders spannendes Anschauungsobjekt“, erklärt Dr. Hendrik Reinhold, einer der Antragsteller von der RWTH Aachen. Denn neben der dreidimensionalen Modellierung, also dem M in BIM, sei ebenso das I, die Informationsimplementierung, ein zentraler Aspekt. „Durch die umfangreiche noch erhaltene Innenausstattung und weitere Baudetails aus verschiedenen Jahrzehnten eignet sich das Objekt in Remagen hervorragend als Beispiel für die Baukultur des 19. Jahrhunderts“, ergänzt Reinhold.

Denkmalpflege weiterdenken

„Digitale Denkmalpflege wird seit einiger Zeit auch verstärkt in den Liegenschaften der DSD thematisiert und gewinnt zunehmend an Bedeutung“, bestätigt Diana Bičo, für stiftungseigene Denkmale wie das ehemalige Hotel Bellevue zuständige Architektin in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Durch den Austausch mit der RWTH Aachen ermöglicht die DSD in diesem Fall eine frei zugängliche Sammlung von Beispielmodellen, die Beteiligten als wichtige Orientierung dienen kann – über die reine schriftliche Formulierung einheitlicher Standards hinaus. „Unsere denkmalgeschützte Bausubstanz ist als ein besonderer Teil der Bauaufgaben im Bestand zu sehen“, erklärt Reinhold sein Forschungsgebiet. Die DSD ist daher froh, mit einem eigenen Objekt einen Beitrag zur Zukunft der Denkmalpflege leisten zu können.

Die Realität in der digitalen Welt.

Der Vergleich zwischen Realität und Scan zeigt...

Der Vergleich zwischen Realität und Scan zeigt...

© Robin Miller / doku.vision

... jedes Detail des ehemaligen Speisesaals wird erfasst.

... jedes Detail des ehemaligen Speisesaals wird erfasst.

© Roland Rossner / DSD

Von all dem hat der Denkmalinteressierte vielleicht nicht unmittelbar einen Nutzen. Doch spätestens seit der Pandemie gehören virtuelle 3-D-Rundgänge durch Museen, Kirchen, Burgen, sogar ganze Ortskerne zum Repertoire der Kulturvermittlung. Ermöglicht werden diese erst durch digitale Erfassung und Aufbereitung. Zunehmend bekannt werden auch die sogenannten digitalen Zwillinge, also vollständig datenbasiert nachgebildete Bauwerke. Sie bringen verschiedene Informationsebenen miteinander in Verbindung: detailgenaue Nachbildung von Form und Materialität zum einen. Zum anderen entsteht auf der Basis bestehender Unterlagen und Pläne des Baubestands – das H in H-BIM – sowie zusätzlich generierter Daten zudem die für die Pflege und den Unterhalt des Denkmals so wichtige Funktionsebene.

Besonders öffentlichkeitswirksam sind die digitalen Zwillinge der großen Kirchen wie des Kölner Doms. Sie helfen, Schäden an Bauteilen zu identifizieren, die seit über 150 Jahren nicht mehr physisch inspiziert wurden – etwa an Fialen, Strebebögen oder in den oberen Turmbereichen. Gleichzeitig dienen sie als präzise Grundlage für Planungsarbeiten und Vermessungen, sodass Restaurierungen zielgenau vorbereitet und Bauabläufe digital durchgespielt werden können. Für die Dombauhütten ist das eine große Erleichterung. Und außerdem für normal Interessierte eine schöne Bereicherung: 3-D-Besuche machen Denkmale von der heimischen Couch aus erlebbar, aus den gewonnenen Daten lassen sich hochgenaue 3-D-Drucke als Souvenirs erstellen.

Doch bei allen digitalen Möglichkeiten im Bauwesen: Sind nicht vielmehr die erfahrene Lehmbauerin, der versierte Stuckateur entscheidend? Das wird zweifellos immer so sein, Handwerk bleibt in der Baubranche unverzichtbar, in der Denkmalpflege ist es das Herz. Doch der digitale Wandel ergänzt ihr Können sinnvoll: H-BIM ermöglicht Erfassung, Verständnis und strategische Erhaltung des kulturellen Erbes, ohne die Praxis vor Ort zu ersetzen. Die DSD unterstützt beides.

Julia Greipl

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